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Erschöpfte Gesellschaft Stress gehört auf die politische Agenda

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Liberale und konservative Bedürfnisse

Die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist mehr. Sie ist ein Symptom der Krise unseres Wirtschaftssystems. Das dauernde Gefühl der Überforderung von Millionen von Menschen ist das Produkt des selbst auferlegten Zwanges, nicht nur die Grenzen der Ressourcen der Natur dauerhaft zu überschreiten, sondern auch die Leistungsfähigkeit der Menschen über ihre psychischen Grenzen hinaus immer weiter zu steigern.

Die erschöpfte Gesellschaft der Angst ist daher keine Summe privater Probleme von einzelnen Individuen. Sie ist das Symptom einer Begrenzungskrise – ebenso wie die Verwerfungen an den Finanzmärkten und die Zerstörungen der Umwelt. Sie ist ein politisches Problem.

Welche Berufe am wenigsten krank machen
MedienschaffendeInsgesamt wurden Daten von 4,1 Millionen bei der TK Versicherten ausgewertet. Extrem wenig krankheitsbedingte Ausfälle finden sich in medialen Berufen. Hier melden sich Angestellte durchschnittlich nur 11,8 Tage im Jahr krank . Doch die Medienmacher sind noch nicht die Spitzenreiter bei den geringsten Fehlzeiten. Quelle: dpa
AgrarberufeBerufstätige im Agrarbereich kommen durchschnittlich auf 17,2 Fehltage im Jahr. Damit liegen sie etwas über dem Durchschnitt. Erklären lässt sich dieses Ergebnis mit der oft körperlich anstrengenden Arbeit. Zu beachten ist allerdings auch der sogenannte „Healthy Worker Effect“. Körperlich überdurchschnittlich gesunde Personen werden gezielt für besonders schwere Tätigkeiten angestellt. So können je nach Berufsgruppe trotz hoher Belastung relativ geringe Erkrankungsraten resultieren. Übrigens: Während Männer häufiger an Verletzungen der Gelenke leiden, erkranken Frauen öfter an den Atemwegen. Quelle: dpa
Bau- und HolzberufeIn den Bau- und Holzberufen fehlen die Angestellten mit am häufigsten. Sie melden sich im Schnitt rund 21,5 Tage im Jahr krank. Das lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass ein Handwerker grundsätzlich einem höheren Verletzungsrisiko ausgesetzt ist, als zum Beispiel ein Versicherungsangestellter. Quelle: dpa
ElektroberufeWie Turner auf einem Strommast erscheinen die Arbeiter im Bild. Auch wenn das scheinbare Risiko der Situation es nahe legen mag: Elektro-Angestellte sind nicht allzu oft krankgeschrieben. Männer bringen es nur auf 15,4 Fehltage im Jahr. Frauen fehlen dafür in dieser Berufssparte besonders oft: 20,1 Tage im Jahr. Frauen lassen sich allerdings auch insgesamt öfter krankschreiben als Männer. Sie fehlen durchschnittlich drei Tage im Jahr länger als ihre männlichen Kollegen. Quelle: dapd
Ordnungs- und SicherheitsberufeDie Ordnungs- und Sicherheitsbeauftragten fehlen im Vergleich etwas öfter als der Durchschnitt. Während Männer 16,4 Tage im Jahr fehlen, lassen sich Frauen durchschnittlich 18,3 Tage im Jahr krankschreiben. Quelle: dpa
Friseure / Gästebetreuer / Hauswirtschafter / ReinigerFriseure, Gästebetreuer, Hauswirtschafter und Reiniger fehlen erstaunlich häufig. Im Schnitt ist diese Berufsgruppe rund 19,6 Tage im Jahr krankgemeldet. Quelle: dpa
Sozial- und Erziehungsberufe, SeelsorgerBei den Sozial- und Erziehungsberufen fällt eines besonders auf: Männer fehlen mit 11,3 Tagen im Jahr sehr selten, Frauen im Vergleich mit 17,8 Tagen eher häufig. Gründe für Krankmeldungen sind nicht immer körperlichen Ursprungs. Oft spielt auch psychischer Druck eine große Rolle. Quelle: dpa

Doch Stress und Angst als dominierende Seelenzustände der Deutschen finden bisher so gut wie keinen Widerhall in der Politik. Denn dort trift sie auf das schiere Unverständnis des sozialdemokratischen Fortschrittsglaubens, der alle Parteien erfasst hat. Der parteipolitische Betrieb scheint genauso im endlosen Autopilotenstatus der scheinbaren Ausweglosigkeit wie das gestresste Volk.

Und Angela Merkel vermittelt das einlullende Gefühl, dass es irgendwie immer so weitergeht, wenn alle fleißig weiterstrampeln. „Unter Dauerstress mutieren wir vom klar denkenden Menschen zum kopflos rennenden Hamster“, schreiben Unger und Kleinschmidt. Der gestresste Mitarbeiter reagiert auf alle Belastungen mit noch mehr Arbeit, bevor er zusammenbricht. Genauso sucht die Politik das Heil im Vorwärts - wo auch immer das hinführt. Hauptsache, nicht stehenbleiben.

Ansprüchen des ökonomischen Wettbewerbs

Doch Stress endet erst, wenn man innehält; wenn man sich seiner Freiheit bewusst wird und sie sich nimmt. Allerdings ist die Freiheit vor den übergriffigen Ansprüchen des ökonomischen Wettbewerbs derzeit nicht im politischen Angebot. Die Aufgabe künftiger Liberaler könnte sein, nicht nur die Freiheit zur Wirtschaft, sondern auch ein gewisses Maß an Freiheit des Individuums vor der Wirtschaft einzufordern.

Kollektive Ängste sind nicht einfach zu vertreiben. Aber sie sind leichter zu bewältigen, wenn man weiß, wo man steht und wo man herkommt. Überlieferte Traditionen und bewährte gesellschaftliche Einrichtungen geben Menschen stets Halt. In der zunehmend als haltlos empfundenen, zusammengeschrumpften und durcheinandergewirbelten Welt muss konservative Politik die psychischen Ressourcen der Menschen ebenso zu verteidigen wie die der Natur.     

In Arbeit
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Dass man im aktuellen Bundestag keine echten Liberalen und kaum noch bekennende Konservative antrifft, heißt nicht, dass es keine liberalen und konservativen Bedürfnisse mehr gibt. Stress und Angst als Seelenzustände weiter Teile der Bevölkerung rufen nach im Wortsinne liberaler und konservativer Politik, die aber nicht im Angebot ist. Noch nicht.  

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